Kinderverschickung

In den 1950er bis hinein in die 1980er Jahren wurden Kinder im Alter von zwei bis ca. zwölf Jahren auf Empfehlung von Ärzten, Gesundheits- und Jugendämtern in Kinderkurheime verschickt. Der drei- bis achtwöchige Heimaufenthalt eines Kindes sollte der Verbesserung des Gesundheitszustands dienen. Ein Teil der Betroffenen berichtet über erschütternden Erfahrungen, die sie im Rahmen ihrer Verschickung erlitten haben. Sie erlitten in den Kindererholungsheimen durch die Betreuungspersonen physische und psychische Gewalt.

Nach derzeitigem Kenntnisstand waren das Diakonische Werk Württemberg und seine Mitgliedsorganisationen (bzw. jeweilige Rechtsvorgänger) an der Praxis der Kinderverschickung in den 1950er bis 1980er Jahren wie folgt beteiligt:

  • Trägerschaft von Kinderkureinrichtungen: Das Diakonische Werk Württemberg war Träger von Einrichtungen, in denen Kinderkuren durchgeführt wurden. Diese Häuser befanden sich überwiegend in Württemberg, aber auch in anderen Bundesländern und in der Schweiz.
  • Tätigkeit in der Beratung und Vermittlung: Organisation und Belegung von Kinderkuren erfolgten damals über das Referat Kuren und Erholung des Diakonischen Werks in Zusammenarbeit mit den Diakonischen Bezirksstellen, die vor Ort die Beratung der Familien übernommen hatten. Das Diakonische Werk vermittelte in eigene Einrichtungen und belegte Vertragsheime in unterschiedlicher Trägerschaft.

Wissenschaftliche Aufarbeitung

Um die Aktivitäten der Diakonie Württemberg in der Praxis der Kinderverschickung von 1950 bis in die 1980er Jahre im Hinblick auf Umfang, Prozessabläufe und Missstände transparent darstellen zu können und Betroffene bei der Erinnerung und Bewältigung zu unterstützen, beauftragte das Diakonische Werk Württemberg die Kulturwissenschaftlerin Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt damit, archivierte Dokumente zu den diakonischen Angeboten der Kinderverschickung auszuwerten. Seit Ende Juli 2022 liegt der Abschlussbericht mit Ergebnissen der Aktenanalyse vor, der einen Überblick über die archivierten Dokumente und deren Inhalte gibt.

1. Forschungsbericht (PDF)

Liste Erholungs- und Kinderkurheime (PDF)

Derzeit erfolgt ein vertiefender Forschungsschritt mit Befassung mit dem Haus Hubertus, dem Bühlhof und dem Haus Carola, für die exzeptionelle und diverse Quellenmaterialien vorliegen. Im Forschungsprojekt sollen Erkenntnisse dazu gewonnen werden, wie:

  • der Alltag in den Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, Eltern, Mitarbeitende und Verantwortungsträger insbesondere bezogen auf Pädagogik, Betreuung, Aktivitäten, Ernährung, medizinische Versorgung, Kommunikation mit Eltern und Umgang mit Beschwerden gestaltetet wurde.
  • die Rahmenbedingungen und Organisation der Kinderverschickungspraxis im Hinblick auf Diagnostik, Anforderungen an die Leistungserbringer, die Organisation und Durchführung der An- und Abreise der Kinder und Jugendlichen zum Kurort konkret aussah.
  • Entstehungsbedingungen für erlittenes Leid waren und in welchen Ausprägungen und Formen Menschen in der Praxis der Kinderverschickung Leid erlitten.

Ergänzend zu den archivalischen Quellen werden Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen (Betroffene und Mitarbeitende) durchgeführt, die die Darstellung der archivierten Quellen ergänzen sollen, um ein umfassendes Bild der Praxis der Kinderverschickung zu erzeugen. 

Pressemitteilung: Diakonie Württemberg arbeitet Geschichte der Kinderverschickung auf